Resonanz durch Körper – eine Museumsexpedition

(2021)

Vermittlungsprojekt konzipiert von Elisa Bruder und Pearlie Frisch im Rahmen des Praktikums des Studiengangs Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Museum Rietberg, Zürich.

Mentoriert durch Caroline Spicker (Museum Rietberg), Dr. des. Sandra Winiger (ZHdK), Renate Lerch (ZHdK) und Regula Brassel (ZHdK)

Ein seltsam anmutendes Gebilde aus weissen Figuren bewegt sich durch die Vitrinenlandschaft des Museums Rietberg. Diese Figuren kontrastieren mit den stillen Zeuginnen aus Keramik, Ton und Bronze...



 
Scheinbar der Zeitlichkeit entrückt, bewegen sich die schweigenden Körper durch den Raum. Verhüllt in weisse Anzüge, die die unterschiedlichen Formen verschlingen. Sie entziehen die Möglichkeit einer Distinktion und reduzieren die Trägerinnen und Träger auf die formale Gleichheit des weissen Materials. Der Anzug verweist auf das Verborgene, den individuellen Körper darunter. So bewegt sich die Gruppe aus seltsamen Gestalten durch die Räumlichkeiten. Die Geste der uniformierenden Verhüllung inszeniert bewusst das Andere. Was dieses Andere sein kann, obliegt allen Teilnehmenden durch ihren eigenen Sinnesapparat zu entdecken, körperlich zu erfahren, werden zu lassen. Ziel unserer Expedition ist die Erfahrung des Ich(-Selbst) im musealen Raum sowie die Dekonstruktion (im Sinne Jacques Derridas) des konventionellen Museumsbesuchs jenseits intellektueller Kontemplation der ausgestellten Kunst aus dem aussereuropäischen Raum. Der Künstler Lee Ufan schreibt: «The body mediates between the inside and the outside, and can arouse us to the possibility of a more open Situation. [...] The body is more strongly connected to the greater world than consciousness. The body is part of the outside world. Therefore, human beings can know the outside world and experience transcendence by taking advantage of the existence of the body and the role it plays.» (Ufan, 2019).

Das inszenierte Setting und die performativen Handlungen während der Museumsexpedition dienen der Immersion der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dem Eintreten in einen Untersuchungsraum, wo der Gegenstand, den es zu beforschen gibt, nicht Objekt ist, sondern der Raum zwischen Subjekt (inside) und Museum (outside). So begeben sich die Teilnehmenden der Museumsexpedition nicht nur durch das Überstreifen eines Anzugs in den Erfahrungsraum, den wir anbieten, sie treten tatsächlich in rituell anmutender Weise ein, sobald sie in den Aufzug steigen, der sie ein Stockwerk tiefer führt. Während der Fahrt wird ihnen ein symbolisches Pharmakon (in Form einer Traubenzuckerpastille) ausgehändigt. Mit den Türen des Aufzugs öffnet sich das Portal ins Reich der sinnlichen Museumserfahrung. Eingebettet zwischen Gefässen – Grabbeilagen aus dem China des 16. Jahrhundert v. Chr. – wird das Jetzt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der zeitlichen Tiefe der im Museum untergebrachten Güter meditativ zusammengeführt. Hier die Teilnehmenden, im Untergeschoss des Museums Rietberg auf dem Rücken liegend, draussen und darüber der Rieterpark, wo Menschen spazieren gehen, und in unmittelbarer Nähe, sorgsam in Vitrinen ausgestellt, Objekte aus einer Zeit, deren Alter kognitiv nicht fassbar ist und die gedacht waren für ein Sein nach dem irdischen Leben der Bestatteten. Über die existierende Objektwelt hinaus schaffen wir sinnliche Zugänge und tragen der Fähigkeit Rechnung, Symbolik hervorzubringen. Wir nennen es «Resonanz durch Körper — eine Museumsexpedition». Emanuele Coccia beschreibt es so, dass Dinge nicht per se wahrnehmbar sind, weil sie existieren, sondern sie müssen erst noch werden. Damit meint er, dass «sie nur durch einen Prozess (und nicht auf der alleinigen Tatsache zu existieren) und nur ausserhalb ihrer selbst wahrnehmbar werden.» (Coccia, 2020).

Ziel war die Ich(-Selbst)-Erfahrung im musealen Raum, die Resonanz durch Körper. Anstatt einem passiven Bei-Sein (konventioneller Museumsbesuch) wollten wir ein Mit-Sein (Dialog): Ich (oder wir) im Dialog mit dem Museum. Dem Museum als Gebäude, dem Museum als Stätte aussereuropäischer Kunst, dem Museum als Ort der Kontemplation des Schönen, des Fremden, des Anderen. Darin bestand aber auch eine Schwierigkeit. Was machen die steinernen Guanyins, Buddhas, Ganeshas und Shivas mitten in Zürich in einer Villa, deren Ausblick auf den See, die Berge weist? Sollen wir dieses Thema adressieren? Oder nehmen wir einfach hin, dass das Museum von städtischer Hand betrieben wird? In der Schweiz, die sich damit rühmt, frei jeglichen kolonialistischen Treibens, das in Europa praktiziert wurde, zu sein? Imperialismus, das sind die anderen. Dennoch kommt man nicht umhin, zu vermuten, dass die Besuchenden des Museums wohl nicht aus bildungsfernen Milieus kommen. Dass sie den konventionellen Museumsbesuch des vermeintlich sicheren, weil distanzierten Blickes auf die aussereuropäischen Kunstwerke wegen schätzen. Mit unserem Angebot «Resonanz durch Körper – eine Museumsexpedition» haben wir den Versuch gewagt, die Zwischenräume des Museums Rietberg zu erkunden und neue Bedeutungen durch Körper werden zu lassen.

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Coccia, E. (2020). Sinnenleben. Carl Hanser Verlag.
Ufan, L. (2019). Lee Ufan: Art of Encounter (H. U. Obrist, Hrsg.; Revised Aufl.). Lisson Gallery.  
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