Unmittelbare Ferne

(2021)

Installation (Ton, Metall, Wasser)

Textauszug aus Tropfen für Tropfen. Zur temporären Plastik von Pearlie Frisch in der Publikation anlässlich der Ausstellung Unmittelbare Ferne von Silvia Henke



Im Innern der Ausstellung «Unmittelbare Ferne» sind die Tonschalen der Künstlerin versammelt. Sie passen sich dem Titel gut an. Sie sind Mittel und Material, sie sind Zeit und Raum. Sie sind Objekt, Bild, Installation und Skulptur. Und sie sind ganz da, das heisst, sie sind im Unterschied zu allen fotografierten Skulpturen nicht fern. Da die Tonschalen in beiden Räumen auch einzeln umgangen werden können, wird das Publikum besonders im ersten Raum ganz nahe auf sie verwiesen. Sie ziehen an und zwingen doch zu behutsamer Distanz, verweisen auf die Schritte, den Körper, den Boden. Damit fordern die Schalen einen auf, ihre Materialität und ihre Stabilität ganz wahrzunehmen.

Diese unmittelbare materielle Präsenz ist aber nur die eine Seite. Pearlie Frisch ist keine Materialfetischistin, aber sie ist auch keine Konzeptkünstlerin, die uns Ideen erklären will. Sie vertraut der Suggestion ihrer Plastik, das heisst: Sie vertraut deren ästhetischer Wirkung. Das Ästhetische setzt Assoziationen frei, es nährt sich von Wechselwirkungen. Vielleicht erinnern die Schalen plötzlich ein wenig an Instrumente einer unbekannten Klangformation? Vielleicht an Weihwasserbecken? Gleichzeitig wirken sie in den dreibeinigen Metallgestellen, die ihnen wie auf den Leib gegossen scheinen, organisch, tierisch, grazil. Was heisst also Nähe, was Ferne, wenn man eine glasierte Tonschale als Wasserbecken und gleichzeitig als Insekt, Instrument oder als Lichtspiel sieht? Denn das Licht von draussen reflektiert in den weiss glasierten Schalen und lässt sie glänzen.

Es ist gewiss das Metaphorische und dieser Assoziationsreichtum, welche die Skulptur aus der Sphäre des Materials entfernt. Es ist aber auch das Unmittelbare ihrer Wirkung, das uns nach Mitteln, das heisst: nach Worten suchen lässt. Mit Sprache halten wir uns bekanntlich die Kunst vom Leib. Sprache ist im umgekehrten Sinn zu Pearlie Frischs Skulptur mittelbare Nähe. Es heisst deshalb auch, dass wir uns einem Gegenstand mit den Mitteln der Sprache «nähern». Dennoch bleibt uns die Plastik fern, indem sich ihre elementare Wirkung mit Reflexion verkreuzt.

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